Der
Traum vom Grünen
Wind,
Sonne, Wasser - auf La Palma wäre möglich, wovon ganz Europa träumt.
La Palma hat alles, was man sich wünschen kann: 2800 Sonnenstunden im Jahr,
Wasserfälle, die zig Meter in die Tiefe stürzen, und an den meisten Tagen weht
ein kräftiger Wind über die grünste der Kanarischen Inseln, der die Segel der
Surfer bläht, oder aber Windkraftwerke antreiben könnte. La Palma hätte alles,
was eine Insel braucht, um sich absolut autark mit grüner Energie zu versorgen.
Robert Habecks Traum könnte hier im Kleinen umgesetzt werden, doch man kommt
einfach nicht vom Diesel los.
Zu Sonnenlicht, Wasser- und Windkraft und kommt eine weitere Kraft: La
Palma ist vulkanischen Ursprungs, wie man 2021 schmerzhaft erleben konnte. Es
ließe sich also auch Geothermie anzapfen und Gezeitenkraftwerke im Ozean sind
ebenfalls denkbar. Da könnte man doch mal auf Island nachfragen. Wenn man
weiss, wie sowas geht, dann ja wohl dort.
Die Realität hingegen:
Mehr als 90% des Stromverbrauchs liefert ein 50 Jahre altes DIESELKRAFTWERK
im Süden von Santa Cruz. Das Öl, das hier verbrannt wird, kommt per Tankschiff
vom Festland, knapp 1500km entfernt. Noch nicht mal der Restmüll aller
Haushalte wird hier verbrannt. Der wird wieder per Schiff nach Teneriffa
verbracht und dort verheizt. Auch mit dem Klärschlamm ließe sich Sinnvolleres
veranstalten.
Nun gibt es eine Initiative "Energia Bonita", unter der Leitung
von Nuria Albet, einer promovierten Physikerin. Sie wollte Photovoltaikanlagen
bauen, die immer mehrere Häuser versorgen könnten. Keine riesigen Solarparks!!
Diese Kooperative hat mittlerweile 60 Mitglieder und sie wächst. Doch die
Hürden wachsen auch: Der örtliche Netzbetreiber teilte mit, dass das erste
Projekt nicht genehmigt werden könne, weil die Netzkapazität dafür nicht
ausreiche. Eine ungeheuerliche Frechheit!!
Das ökologische Bewusstsein der Palmeros ist aber erwacht und wächst.
Senora Albet hofft, dass der Impuls für einen grünen Umbau der
Energieversorgung von den Insulanern selbst ausgeht, nicht "von oben herab".
Zu lange ist die Politik untätig geblieben (ich komme gerade nicht drauf, wo
das schon mal passierte), zahnlos gegenüber den mächtigen Energiekonzernen. Das
Wasserkraftwerk "El Electron" etwa, an der "Salto del
Mulato", einer Schlucht im Norden, wurde von öffentlicher Hand gebaut und
1971 privatisiert.
La Palma lebt von Touristen und Bananen. Beide Branchen brauchen extrem
viel Energie. Für den Stromkonzern ENDESA war es nach einem Rohrbruch 2003
nicht mehr rentabel. Statt zu reparieren stellte man den Betrieb ein. So
einfach ist das! Seither fordert die Inselregierung, das Kraftwerk müsse
vertragsgemäß repariert werden und funktionierend an den Staat zurückgegeben
werden. Doch der Konzern lässt es lieber auf einen Rechtsstreit ankommen.
Dieser umweltpolitische Skandal zeigt, wie abhängig die Insel von
internationalen und somit in aller Regel asozialen Konzernen ist. ENDESA gehört
mehrheitlich zum italienischen ENEL-Konzern. Der betreibt auch das o.e.
Dieselkraftwerk "Los Guinchos" mit seinen Schloten nahe der
Hauptstadt. 10 Generatoren und 1 Gasturbine produzieren dort 240
Gigawattstunden pro Jahr, fast die gesamte Energie für 83 000 Insulaner.
Verschwindend gering ist dagegen die Windkraft (18GWh) und Photovoltaik
(6,5GWh).
La Palma war eines von 6 Pilotprojekten, welche die EU unter dem Slogan
"Saubere Energie für EU-Inseln" als vielversprechend auswählte. La
Palma verfügt über ein enormes, aber vernachlässigtes, Potential für
erneuerbare Energien. Die Wirtschaft basiert auf Tourismus und dem Export von
Bananen. Beides sehr energieaufwendig. Bananen brauchen Frachter, Touristen
Flugzeuge. Letztere erkunden die Insel i.d.R. per Mietwagen. Auch die
Einheimischen bewegen sich vor Allem mit Privat-PKWs fort, was Jeder versteht,
der die Insel kennt. Um so wichtiger wäre es, dass man dort CO2 einspart, wo es
möglich ist: bei der Stromversorgung.
Vielversprechend, aus Sicht der EU, ist der Ansatz, den grünen Wandel zu
einem Bürgerprojekt zu machen. Zivilgesellschaftliches Engagement hat hier
Tradition. Weit zurück reicht auch die Innovationsfreudigkeit der Palmeros: Die
Insel behauptet bis heute, ihre Hauptstadt sei die 6. Stadt der Welt mit
elektrischem Strom gewesen. Historisch wohl nicht so ganz korrekt, aber
tatsächlich sehr früh und zwar dank Nutzung erneuerbarer Energien. Am 31. Dezember
1893 um Schlag Mitternacht gingen in Santa Cruz de La Palma die ersten
Glühbirnen an.
Der Strom kam damals schon mal von dem oben erwähnten Wasserkraftwerk "El
Electron", das bis in die 1950er Jahre lief. Für Nuria Albet und deren
Kollegen der Innitiative "La Palma Renovable" ist das stillgelegte
Kraftwerk heute sowas wie ein magischer Ort. "Es zeigt doch, dass der
Ursprung unserer Energieversorgung einst grün war - und dort wollen wir wieder
hin", sagt sie. Im Februar 2023 hat die ENDESA das verfallene Kraftwerk
der Inselregierung geschenkt. Die will nun ein Museum einrichten. "Die
größte Herausforderung liegt nicht in der Technik, sondern in der Gesellschaft.
Man muss die Leute überzeugen."
Die lokale Politik scheint den grünen Umbau, dank der Unterstützung aus
Brüssel, mit etwas mehr Nachdruck zu verfolgen. Immerhin beschäftigt sie seit
2018 Personen in Vollzeit, die sich mit dem Ausbau erneuerbarer Energien
befassen. Riesige Solarparks sind topografisch nicht möglich und die Landschaft
soll ja auch intakt bleiben. Daher müssen bereits bestehende private wie
öffentliche Gebäude mit Paneelen und Batteriespeichern aufgerüstet werden. Doch
gilt es, wie in DE, bürokratische Hürden abzubauen, die immer noch relativ hoch
sind.
Inzwischen hat sich die Insel das Ziel gesetzt, bis 2040 CO2-neutral zu
sein. Da man weder den Tourismus noch den Agrarsektor einschränken will, soll
dies vor Allem über den Ausbau von Windkraft und Photovoltaik gelingen. Die
Energie, die mittels Solaranlagen auf Hausdächern erzeugt wird, soll sich dazu
in den kommenden Jahren versechsfachen. Es ist hier, wie andernorts auch: die
Menschen wollen nicht ihren Lebensstandard verlieren, zumindest nicht die,
welche über einen nennenswerten solchen verfügen - beileibe nicht die hiesige
Mehrheit.
Dass der Traum von der Energie-Autarkie tatsächlich Realität werden kann,
zeigt unsere Nachbarinsel El Hierro. Die kleinste Insel der Kanaren wurde 2014
die erste energetisch autarke Insel der Welt. Fast 20 Jahre hat es gedauert,
bis das ehrgeizige Vorhaben umgesetzt war. Jetzt bringt ein Kraftwerk, das
Wind- und Wasserkraft kombiniert, in jeden Haushalt günstigen Strom.
Eine Einschränkung in Sachen Vorbildfunktion zu La Palma und der Welt gibt
es freilich: Auf El Hierro leben gerade mal 11.000 Seelen.