...der Riegsinger Johannis!!!
Irgendwann, in der Steinzeit, kam ein Neandertaler auf die Idee, sich auf
den Rücken eines Pferdes zu setzen, anstatt es zu essen. Der brutale Abzug des
Gauls muss so bestechend gewesen sein, dass der Neander beschlossen hat, Pferde
zum Angasen zu benutzen. Es steckt eben im Menschen. Alles, was schneller ist
als er zu Fuß, wird genüsslich zur Brust genommen. Rasen!! Bis zur
Besinnungslosigkeit über die Landstraße brettern. Sich Schräglagen reinziehen,
die entgegenkommenden Autofahrer mit offen stehendem Mund und völlig fertig den
nächsten Parkplatz suchen zu lassen. Warnschilder und Tempolimits großzügig
ignorieren, jeden Anderen als Gegner und obendrein noch einen Heidenspaß haben.
Heizen. Blasen. Jagen. Uuaah! Klar, nicht jeder will und braucht das. Ist ja
auch verboten und gefährlich. Man kann dabei sterben, im Rollstuhl enden, den Führerschein
und viel Geld verlieren. Und trotzdem ist das gut durchgewärmte Fahren auf
Landstraßen die Essenz des Motorradfahrens. Du hockst auf dem Eisen, drehst am
Gas und es geht vorwärts. Einfach nur vorwärts. Es tut so gut, wenn man
Beschleunigung nicht am Tacho ablesen muss, sondern spürt, wie es einem die
Augen in Richtung Gehirn zieht, die Eingeweide gegen das Rückgrat presst und
die Arme längt. Aber es muss gar nicht die Brachialbeschleunigung Marke "Tritt
in die Nieren" sein. Es reicht, immer wieder in langen Zügen die Geraden
runterzufräsen und zu hoffen, dass eine Kurve kommt. Selbst auf einer Drossel-125er
ist es äußerst vergnüglich, das Motörchen arbeiten zu lassen, die Gänge im
richtigen Augenblick reinzutreten um beim Geschwindigkeitskontrollblick auf die
immer zorniger vorbeifliegenden Büsche zufrieden festzustellen, dass man an der
nächsten Kurve entschlossen in die Eisen muss, wenn es nicht "Hecke" anstatt
"Ecke" heißen soll. Bremsen ist nicht lästig, sondern auch schön. Wer
liebt es nicht? Zischend fahren die Kolben gegen die Scheiben, und je nach
Untersatz ist die Bremswirkung... äh, hoffentlich richtig gut. Der Körper wird
schwer und schwerer, der Vorderreifen braust beleidigt am Asphalt, und wenn es
genau bis in die Ecke reicht, war's gut. Zeit für ein Geständnis: Es gab eine
Zeit in meinem Leben - so kurz nach achtzehn - da waren BMWs für mich das
Sinnbild der Trägheit. Ich weiß nicht mal weshalb, aber ich war der festen
Meinung, dass Leute, die BMWs fahren, schlicht und einfach Angst haben. Ist
doch logisch: Wie kann sich jemand mit gesundem Menschenverstand ein so kreuzhässliches
Ding wie eine K 100 kaufen, wenn er eine GSX-R haben kann? Oder irgendetwas anderes,
das aussieht wie ein Motorrad und nicht wie ein Küchengerät.
Eines Tages feuere ich so recht fidel den Schwarzwald hinunter und sehe zu
meinem großen Entzücken in der Ferne eine BMW auf meine Straße einbiegen. Nagelneue
K 100 RS, Koffer aus dem BMW-Zubehörprogramm, Systemhelme, korrekt gekleidete
Sozia und am Lenker - dem Bauchumfang nach zu schließen - ein Herr im besten
Alter. Das klassische Feindbild! Mit einem Freudenjuchzer gingen bei mir alle
Systeme auf Angriff, ich wollte dem alten Herrn zeigen, was eine Harke ist. Fünf
Minuten später, nachdem ich in diversen Ecken so knapp wie nur irgend möglich
dem Einschlag entgangen war, musste ich mein Weltbild einer grundlegenden
Revision unterziehen. Der alte Knabe hatte mir derart lässig die rote Laterne
umgehängt, dass ich den Tränen nahe war. Und das Schlimmste: Er hatte mich
wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, während die Dame auf dem Rücksitz derart
gelangweilt wirkte, dass ich vermuten musste, dass ihr das Geräusch der auf dem
Boden schrappelnden Koffer altbekannt war. Andere Anekdote. Ich stehe nach
Feierabend am Streckenabschnitt Pflanzgarten der Nürburgring-Nordschleife. Den
Berg herunter kommt ein Ducati 916, deren kernig gedrehter Desmo schon im Wald
deutlich zu hören ist, der Fahrer scheint mit Ernst bei der Sache zu sein. Heftiger
Hang Off im Kurvenscheitel verhilft ihm jedoch auch nicht zum entscheidenden
Speedvorteil gegenüber dem Mittsechziger und seiner metallic-braunen R 1100 RT,
der ihn locker außen nimmt. Aufrecht sitzend, aus dem Radio weht Swingmusik,
der weiße Bart quillt aus dem Helm. Perfekt. Was schließen wir aus diesen
Ereignissen: Geschwindigkeit ist Ansichtssache. Geschwindigkeit hat nur bedingt
was mit dem gefahrenen Motorrad zu tun. Der lockere Fahrer macht Tempo, nicht
der gestresste. Der legt sich nur zielsicher aufs Ohr. Und: Ich will nie mehr
das Genörgel der Gereiften hören. Jungs, Ihr seid durchschaut! Ihr habt Euch
doch mit den Horex, Max und anderen Trümmern auch ordentlich auf die Ohren
gegeben. Stimmt's? (Reuige Geständnisse bitte an die Redaktion MO)
Warum aber tun wir es alle, in mehr oder minder drastischem Ausmaß? Antwort:
Es ist schöner als Fliegen. Egal, ob es der beinharte Raser ist, der tatsächlich
versucht, das Leistungspotential seiner Fireblade auszureizen, oder ob es sich
um den mit mathematischer Präzision vorgehenden Ideallinienfuchs handelt,
schnell fahren macht glücklich! Uns es ist vermutlich sogar gesund. Was soviel
heißt, dass Ihre Krankenkasse es empfehlen würde, solange Sie sich nicht auf
die Erde hauen... Aber das ist ein Thema für sich. Stürzen, darin sind sich die
Experten einig, gehört zum Motorradfahren wie das Erbrechen zum Alkoholgenuss. Wer
nicht bricht, hat entweder enorme Übung oder einfach nicht alles gegeben. Ein
kleiner Sturz ist besonders für Einsteiger unvermeidlich. Und wer hat schon
aufgehört Fahrrad zu fahren, weil es ihn als Kind vom Drahtesel gerissen hat? Also
Schluss mit dem Gejammer. Problematisch wird es erst, wenn die Zahl der Stürze
mit den erfahrenen Kilometern nicht abnimmt. Dann dürfte das gefahrene
Durchschnittstempo ziemlich sicher über der natürlichen Reaktionszeit sowie vor
Allem dem IQ des Sturzpiloten liegen. Es ist aber auch ein heikles Thema. Denn
Stürzen macht, bis auf Ausnahmen, keinen Spaß. Obendrein fällt es sich mit
steigenden Tempo härter. Ein bekannter deutscher Motorradtester hat mir das vor
kurzem mit den Worten bestätigt: "Wenn du das erste Mal aufschlägst, spürst
du, wie die Knochen brechen. Das ist ja noch okay. Beim zweiten Mal splittern
sie. Das geht dir schon nahe. Beim dritten Mal spürst du, wie sich die Splitter
ineinander schieben, und ab da ist dir das Ergebnis egal." Diesen Worten
ist nichts hinzuzufügen. Wie aber kann man Stürze vermeiden, ohne langsamer zu
werden?
Als erstes zählt einzig und alleine die Übung. Man kann es nicht oft genug
sagen: Je mehr Motorrad man fährt, umso sicherer wird man. Motorradfahren
funktioniert eben ganz anders als Autofahren. Während man an das Lenkrad eines
Autos einfach ein Gehirn anschließen müsste, um die Kiste nach links oder
rechts zu steuern, ist beim Motorrad unbedingt ein komplizierter Körpereinsatz
notwendig. Und der ist Übungssache.
Zweite Regel: Ein Motorrad fährt dahin, wo der Fahrer hinschaut. Schwarze
Katze von rechts? Einfach erschreckt auf die Mieze starren, und es gibt eine
weniger. Zu schnell am Kurveneingang? Eiserner Blick auf die Grasnarbe, und es
geht garantiert ab in die Büsche. Im positiven Fall heißt das aber, dass durch
diszipliniertes Entlanghangeln an einer eindeutig ins Auge gefassten Linie
selbst auf Straßen dritter Ordnung furchterregende Tempi möglich sind. Die
Augen dürfen dabei keineswegs dicht vor dem Motorrad kleben, sondern müssen der
Maschine weit vorauseilen. Der kluge Mensch lernt hieraus aber auch, dass ein
Motorrad dann am sichersten bewegt wird, wenn man auf jeden Fall sieht, wohin
es geht. Schonungsloses Reinhalten in blinde Ecken ist etwas für die
Rennstrecke oder für Bekloppte.
Dritte Regel: Schräglage. Schnelles Fahren ohne die psychische Fähigkeit
zur Schräglage ist A) nicht möglich und B) gefährlich. A), weil ein Motorrad
mit zunehmender Geschwindigkeit bei gleichbleibendem Kurvenradius einfach einen
größeren Schräglagenwinkel braucht. B) ist die Geschichte dazu: Wer hemmungslos
in Ecken brät, die sich dann zuziehen und sich vor weiterem Abwinkeln fürchtet,
macht blitzartig den Abflug. Deshalb sollte man ständig an seiner persönlich möglichen
Schräglage feilen, im Ernstfall ist das mehr wert als jedes ABC, alle ADAC-Mitgliedschaften
und Protektorenkombis zusammen. Also runter mit dem Hobel, ohnmächtiges
Vertrauen in den Griff der Straße kostet enorme Überwindung, aber die Belohnung
ist wundervoll: Der Horizont verzerrt sich, als habe die Maschine Klauen und Zähne,
hält sie sich am eingeschlagenen Radius fest, das Blut fließt so wundervoll
warm und zäh. Yippieh. Wer an seiner Schräglage feilt, beschäftigt sich über
kurz oder lang mit dem Grip seiner Reifen. Dazu kann nur gesagt werden, dass in
den meisten Fällen nicht der Reifen das Limit setzt, sondern die Straßenoberfläche.
Deshalb gilt die Regel zwei: Guck dir an, wo du hinbrätst, und das rechtzeitig.
Vierte Regel: Dem Radius der Kurve auf der Außenlinie so lange folgen, bis
man deutlich den Kurvenausgang sichtet und erst dann nach innen vollstrecken. Wer
in lockerer Racer-Manier die vermeintliche Ideallinie entlangglüht, kann sich
unversehens vor einer brutal zuziehenden Hundekurve finden. So hat schon
mancher sein Moped im Gegenverkehr versenkt. Was an der Außenlinie noch
wichtiger ist: Nur so ist der Schädel vor den Kühlern entgegenkommender LKWs
sicher. Vorsicht aber mit der Straßenoberfläche, denn logischerweise finden
sich Rollsplit, Schmodder und Öl meistens an der Außenbahn.
Und Regel fünf: Hartes Bremsen in Kurven ist völliger Schwachsinn! Erstens
stellen moderne Niederquerschnittsreifen viele Motorräder auf, sie vermindern
also die mögliche Schräglage, wenn der Fahrer nicht durch erhöhten Körpereinsatz
diesem Aufstellen entgegenwirkt. Zweitens verkraftet ein Vorderreifen nur
entweder Kurvenführungskraft oder Bremskraft. Zu tiefes oder gar panisches
Hineinbremsen in Kurven erhöht die Gefahr, aufgrund eines wegrutschenden
Reifens auf die Waffel zu bretzeln. Man weiß das hinterher nur nicht so genau...
Deshalb ist es ganz wichtig, das korrekte Tempo vor der Kurve anliegen zu haben
und nicht auf gut Glück ins Leere zu ballern. Auf Sicht fahren! Plötzliche Überraschungen
können in den meisten Fällen durch entschlossenes Drücken gemeistert werden, da
die zunehmende Reibung der Reifen auf der Straße erstaunlicherweise das überschüssige
Tempo zuverlässig abbaut. Wer diese Grundregeln testet, wird feststellen, dass
er das Motorrad ganz anders zu sehen beginnt. Es macht viel mehr Spaß, ist
sicherer und als willkommener Nebeneffekt steigt auch der Schnitt. Alles paletti
jetzt? Halt! Plötzlich ist das Tempo so hoch, dass man sich um ein Vielfaches
mehr konzentrieren muss, denn wer beim zügigen Aneinandersetzen dieser Regeln
plötzlich eine Masche fallen lässt, der hat schneller große Löcher in den Strümpfen
als ihm lieb ist.
Nun zu einem traurigen und ernsten Thema. Viel schlimmer als jede
Hundekurve, jede Diesellache und sogar schlimmer als ein verregneter Sommer ist
der Polizist. Es ist der natürliche Feind des Street-Surfers. Es gibt zwar, das
wissen wir, eine Menge lustiger Typen bei der Polizei, solche, die sich nach
Feierabend auf ihre ZRX werfen um sich den Stress vom Hals zu blasen, aber im
Großen und Ganzen versteht der Polizist keinen Spaß. Das darf er auch nicht,
denn sobald er lacht oder gar ein Auge zudrückt, wird er entlassen. Andere
Leute zu nerven, das ist sein Job. Er kann nichts dafür, deshalb muss man ihm
auch nicht böse sein, sondern eher Mitleid haben. Früher haben Polizisten
Verbrecher verhaftet, heute müssen Polizisten Temposünder erwischen.
(Sie unterliegen, perfiderweise, einer Kopfgeldregelung, die sich vor Allem
auf ihr berufliches Weiterkommen auswirkt: Je mehr sie erwischen, desto
schneller gibts Beförderungen! Eine ungeheuerliche Sauerei!! (Anm. d. des Hp-Inhabers))
Unseren klugen Lesern stellen sich vermutlich folgende Fragen: Warum gibt
es ein Tempolimit? Sind Tempolimits notwendig? Wenn ich temposündige, bin ich
dann ein schlechter Mensch? Was raten mir die Experten?
Die Antworten auf all diese Fragen beginnen mit dem durchschnittlichen
Verkehrsteilnehmer. Der durchschnittliche Verkehrsteilnehmer ist Autofahrer. Der
durchschnittliche Autofahrer hat zwar vom Tuten, aber keineswegs vom Blasen
Ahnung. Fahrzustände, die von einer gleichförmigen, einheitlich normierten
Fortbewegung abweichen, erschrecken ihn zutiefst. Er ist aber auch gar nicht in
der Lage, solche Fahrzustände herbeizuführen, denn er steht meistens im Stau. Steht
er nicht im Stau, sitzt er aber immer noch im Auto, und dieses Gefährt ist halt
rein konstruktiv nicht in der Lage, aus eigener Kraft ungleichförmige Fahrzustände
anzunehmen. Der Staat wiederum liebt seine Autofahrer und tut alles, um die
normierte Fortbewegung zu unterstützen und gleichförmiger zu machen. Deshalb
gibt es immer mehr autotaugliche, gerade, breite und grottenscheißlangweilige
Straßen. An Stellen, wo der Straßenverlauf noch der Topographie folgt, was sehr
spannend sein kann, werden dann eben Tempolimits errichtet. Langer Rede, kurzer
Sinn: Die meisten Tempolimits auf offenen Landstraßen sind rein sicherheitstechnisch
ungefähr so notwendig wie Atombomben im Irak. Sie sind kein schlechter Mensch,
wenn Sie sich nicht an diese Limits halten, sondern nur ein illegaler Mensch. Selbst
religiöse Menschen sollten prinzipiell kein schlechtes Gewissen haben, denn der
einzige, der alles sieht, hat ja keine Tempolimits errichtet. Die Polizei
arbeitet zwar daran, alles zu sehen, aber solange sie es noch nicht geschafft
hat, wird es durchaus unbeobachtete Momente geben, die man ausnutzen könnte...
Tun Sie also, was Sie wollen, und vergessen Sie nie:
Nur ein lebendiger und gesunder Mensch kann ein guter Motorradfahrer sein. Andernfalls
ist er entweder eine Leiche oder ein Krüppel. Die Auswahl ist da leider sehr
begrenzt...
von Johannis Riegsinger,
MO 4/98